13 — Halle 7
Ein Auszug aus dem Roman von Ryu Mori
Die Bäume verloren ihre Blätter. Aus Herbst wurde Winter.
Frau Asano verkündete, dass der Sportunterricht von nun an in der Halle 7 stattfinden würde. Sie wies uns an, für entsprechende Bekleidung, vor allem hallentaugliche Schuhe, zu sorgen. Da ich vom Sportunterricht befreit war, nahm ich weder Hallenschuhe noch andere Sportkleidung mit. Wie zuvor auch packte ich mein Theorieheft und Stifte in die kleine Umhängetasche, die ich sonst immer mit auf den Sportplatz genommen hatte.
Wir wurden von Asano-sensei im Klassenraum abgeholt. Bevor es aber runter zu den Sporthallen ging, erhielten wir erst noch eine Einweisung in die Hallennutzung. Endlich war einmal nicht ich der Grund für das Raunen und Stöhnen in der Klasse. Ich empfand es ebenfalls als völlig übertrieben und albern, erklärt zu bekommen, wie man sich in einer Sporthalle zu verhalten hatte. Ungerührt betete Asano aber die Regeln herunter: Keine Straßenkleidung und Schuhe, trinken verboten, Quietschen mit den Sohlen galt es zu unterlassen, kein Rumschreien, Abstand halten, nicht rempeln und so weiter. Für Frau Asano schien Hallensport gleichbedeutend mit der Arbeit in einem Hochsicherheitslabor zu sein – oder einem Hochsicherheitsgefängnis, in dem eine Hofpause anstand.
»… nicht auf den Boden schwitzen!«
Da musste selbst ich lachen. Die Regeln wurden mit jeder neuen Anordnung nur noch wirrer und irrer. Ich fragte mich, ob das Sporttreiben am Ende nicht noch selbst auf der Liste der verbotenen Dinge landen würde.
Dem war nicht so.
Als Asano-sensei endlich fertig war, überprüfte sie tatsächlich noch einmal alle Sportschuhe auf ihre Eignung und etwaige Verschmutzungen. Ich dachte mir nichts dabei, als sie an meinem Tisch ankam. Doch Frau Asano ging nicht einfach weiter, sondern räusperte sich. Ich schaute auf. Sie stand direkt vor mir und sah auf mich herab.
»Schuhe!«, patzte sie mich an.
Ich blickte verwirrt zu ihr auf. Sie wusste doch Bescheid!
Langsam schüttelte ich den Kopf.
»Deine Schuhe, Sasaki!«
»Äh. Ich habe keine«, antwortete ich leise.
Es bekam dennoch jeder mit, denn inzwischen war es im Klassenraum absolut still geworden. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Erste Lacher rutschten aus Kehlen, die sich nicht zurückhalten konnten.
Asano-sensei schnaubte.
»Die Hallenregeln gelten auch für dich. Was glaubst du eigentlich?«, blaffte sie los. »Hast du wenigstens Sportbekleidung dabei, so wie ich es gesagt habe?«
Ich konnte nur erneut den Kopf schütteln.
Was sollte das? Warum ging mich Frau Asano so an?, dachte ich inmitten meiner aufsteigenden Panik. Ich brauche das alles doch nicht. Ich nehme doch überhaupt nicht am Unterricht teil.
»Sasaki-san! Ich habe dich etwas gefragt!«
Frau Asano hatte mein Kopfschütteln entweder nicht mitbekommen oder ignorierte es.
»Nein, Sensei«, sagte ich daher noch einmal lauter, »habe ich nicht.«
Sie schlug mit der flachen Hand auf meinen Tisch. Ich zuckte zusammen. Einige Mädchen schrien kurz auf, lachten dann aber.
»Attest hin oder her. Die Sporthalle betrittst du nur über die Umkleide. Ich dachte, ich hätte mich da klar genug ausgedrückt.«
»Ja, Sensei«, antwortete ich leise in den Wortschwall hinein.
»… und da bleiben alle Straßenkleider zurück. Glaubst du etwa, du kannst einfach so, wie du bist, demnächst auch noch mit Schnee und Schlamm an deinen Stiefeln durch die Halle marschieren und dich auf die Bank setzen?«
»Nein, Sensei.«
»Nächste Woche hast du Sportsachen dabei, verstanden?«
»Ja, Sensei.«
»Wechselkleidung und Hallenschuhe.«
»Ja, Sensei.«
Sie wandte sich der ganzen Klasse zu:
»Verlässt jemand die Umkleide ohne vorgeschriebene Bekleidung, läuft die gesamte Belegschaft dieser Umkleide zu Beginn und zum Ende zwanzig Runden.«
Ein Sturm der Empörung brach los.
»Ich will kein Wort mehr hören!«, donnerte Asanos Stimme durch den Raum. »Für so etwas habe ich keine Zeit. Und jetzt hopp, runter zur Halle, wir sind spät dran. Vor allem die Damen sollten sich beeilen. Dank Sasaki-san dürfen sie sich schon einmal aufwärmen und die Halle beim Laufen ihrer ersten zwanzig Runden erkunden.«
Auf dem Weg durch das Treppenhaus rempelten mich ein paar Mädchen an. Keiko beschimpfte mich lautstark. Ich hörte aber nicht, was sie sagte. Ich war wie in einem Tunnel gefangen. Mechanisch ging ich zur Halle und blieb vor der Mädchenumkleide stehen. Mit energischen Schritten kam Frau Asano auf mich zu.
»Hast du was drunter, Sasaki?«
»Wie?«
Ich verstand nicht richtig.
»Ob du ein T-Shirt unter deinem, deinem …«, suchte sie nach den passenden Worten für meinen Oversized-Hoodie.
Ich kam ihr schnell zuvor.
»Nein, Sensei.«
Meine Lehrerin verdrehte die Augen. Dann sagte sie:
»Geh! Schuhe aus und dann auf die Bank hinten links. Nimm deine Sachen mit.«
Ich nickte, schluckte und drückte die Tür zur Umkleide auf. Wütende Stimmen schlugen mir entgegen:
»Nur wegen der müssen wir jetzt laufen, blöde Kuh.«
»Wir müssen rennen und die macht nicht mal mit. Guckt nur zu.«
»Faule Sau!«
»Wenn wir uns nicht beeilen müssten, würde ich der eine reinhauen.«
»Warum werden wir wegen der bestraft?«
»Na warte, das lassen wir uns nicht gefallen.«
Keiko hatte bis hierher geschwiegen und sich stoisch umgezogen. Nun meldete auch sie sich zu Wort.
»Jetzt kommt, Mädels, lasst das, wir müssen raus, keine Zeit für so etwas«, sagte sie und klatschte zwei-, dreimal in die Hände. »Zwanzig Runden. Die schaffen wir doch locker. Auf geht’s!«
Keine zwei Minuten später stand ich allein in der Umkleide. Als hätte ich mich plötzlich in Luft aufgelöst, waren alle Tanabes Beispiel gefolgt, hatten sich in Windeseile umgezogen und waren geschlossen wie ein Team vor einem alles entscheidenden Match hinaus in die Halle gegangen. Bald hörte ich ihre Schritte dumpf über das Linoleum trampeln. Ich seufzte, zog meine Schuhe aus und stellte sie unter die Bank, die am nächsten zum Ausgang stand. Nach der Sportstunde wollte ich so schnell wie möglich verschwinden.
Ich betrat die Halle auf Socken, sah mich kurz um und erhielt prompt einen Stoß in die Rippen von einem der vorbeiziehenden Mädchen. Mir die schmerzende Stelle reibend, sah ich mich nach der Bank um, die für heute mein Sport- bzw. Spottplatz sein würde, und ging hinüber. Kurz darauf begann der Unterricht.
Frau Asano ließ ihre schlechte Laune an meinen Mitschülern aus. Wie eine Kommandantin stand sie auf einer kleinen Kiste und scheuchte Mädchen wie Jungen hin und her. Mal mussten sie Tennisbälle vom Boden einsammeln, mal Schubkarre spielen und wieder ein anderes Mal einen Medizinball im Kreis herumreichen. Zwischendurch schrillte ihre Pfeife und tat nicht nur in meinen Ohren weh.
Ich versuchte mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren. Das fiel mir aber von Minute zu Minute schwerer. Es war stickig, ich schwitzte und das Gekeuche und Gestöhne der anderen wurde von den Wänden und der Decke zurückgeworfen. Ito wagte es, sich über die Schinderei zu beschweren. Zur Strafe verdonnerte Asano-sensei ihn dazu, am Ende der Stunde die zwanzig Runden mit den Mädchen zu laufen.
»Das kann doch nicht ihr Ernst sein!«, stöhnte er auf, machte sich dann aber daran, zu den anderen aufzuschließen.
Ganz eindeutig war Asano-sensei heute nicht zu Späßen aufgelegt – noch weniger als sonst.
Das Stundenende kam und der erlösende Doppelpfiff schickte alle in die Umkleiden. Zuvor mussten aber noch Keiko und die anderen ihre zwanzig Runden absolvieren. Ito gesellte sich zu ihnen, und auch zwei seiner Freunde blieben und liefen mit. Ich stand auf, packte meine Sachen und händigte Frau Asano meine Arbeitsergebnisse aus. Dann rutschte ich auf Socken Richtung Umkleide. Ich wollte hier raus sein, bevor die anderen überhaupt zum Umziehen hereinkamen.
»Wo willst du hin, Sasaki?«, knallte Frau Asanos Stimme hinter mir.
Verwirrt drehte ich mich zu ihr um.
Zeit zu antworten, ließ sie mir nicht.
»Sollen die Damen deinetwegen etwa noch weitere zehn Extrarunden machen?«
»Ich … nein, Sensei.«
»Dann warte gefälligst hier. Die Strafrunden muss die Mädchenkabine laufen, weil jemand sich nicht an die Hallenregeln gehalten hat … weil du dich nicht an die Hallenregeln gehalten hast! Nur weil du keinen Sport machen darfst, gelten für dich noch lange keine Sonderregeln. Alle Mädchen bleiben auf dem Feld. Alle! Erst wenn die zwanzig Runden von allen Läuferinnen absolviert worden sind, dürft ihr geschlossen zurück und euch umziehen. Ich dachte, das hätte ich lang und breit erklärt.«
»Ja, Sensei. Bitte entschuldigen Sie, Sensei.«
In meinem Kopf begann es zu pochen. Schwindel überkam mich.
Frau Asano ging ohne ein weiteres Wort und ließ mich in der Halle mit den anderen zurück. Runde um Runde zogen meine Mitschülerinnen an mir vorbei. Die Tatsache, dass ich am Rand stand und ihnen zusah, mobilisierte ihre letzten Kräfte. Sie liefen schneller und hatten mit jeder Runde einen neuen Spruch für mich parat, den sie mir an den Kopf warfen. Ein-, zweimal fuhr Keiko sogar ihren rechten Arm aus und schlug mich mit der flachen Hand. Es kostete mich unendliche Kraft, nicht loszuheulen und wegzurennen. Still ertrug ich die Demütigungen, während in meinem Kopf die Gedanken rasten. Wie kam ich nur möglichst schnell aus der Umkleide, ehe sie mich packen konnten? Egal, welches Szenario ich mir auch überlegte, keines machte einen auch nur ansatzweise erfolgversprechenden Eindruck.
Schließlich war es so weit. Angeführt von Keiko und Ito beendete die Gruppe ihre letzte Runde.
»Jetzt bist du fällig, Miststück«, keuchte Tanabe, als sie an der Tür stehend zu mir hinübersah.
Da ich nicht reagierte, machte sie einen Schritt auf mich zu. Die Jungs waren bereits durch die Nebentür in ihre Umkleide gegangen und wollten scheinbar nichts mit dem zu tun haben, was nun folgen würde.
Keiko schaute an mir vorbei und verzog missmutig das Gesicht.
Ich folgte ihrem Blick, sah die Uhr und verstand ihre Miene zu deuten: Die Pause hatte schon angefangen und viel Zeit blieb nicht mehr bis zur nächsten Unterrichtsstunde. Als Keiko abdrehte und die anderen Mädchen in die Kabine führte, stieß ich erleichtert die Luft aus. Ich wartete gut zwei Minuten, bis ich ihnen folgte. Ich schätzte, dass die meisten meiner Klassenkameradinnen gerade mitten im Kleiderwechsel waren. Das hielt ich für den besten Moment, um einfach durchzurauschen, mir meine Schuhe zu schnappen und die Umkleide zu verlassen. Wäre mein Haustürschlüssel nicht in meiner Schultasche im Klassenraum gewesen, ich wäre direkt nach Hause gelaufen. So musste ich zwangsläufig noch zwei Stunden in der Schule bleiben und dann hoffen, den Heimweg unbeschadet zu überstehen.
Ich atmete zweimal tief durch. Dann griff ich mit meiner schweißnassen Hand nach der Türklinke, drückte sie runter und marschierte los – direkt auf den Ausgang am anderen Ende zu. Wie erwartet, waren die meisten Mädchen dabei, in Hosen, Blusen oder Pullis zu schlüpfen. Ohne nach links oder rechts zu sehen, ging ich zu meinen Schuhen, bückte mich und …
»Dachtest du etwa, du kannst dich einfach so verpissen?«
Es ging alles ganz schnell.
Ich konnte nicht einmal mehr schreien.
Mit einem gewaltigen Ruck riss Keiko Tanabe mich an den Haaren nach hinten. Mein Genick gab ein deutliches Knacken von sich. Der Schmerz in Schulter, Nacken und Kopf raubte mir den Atem. Ich sah kleine schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen und die Stimmen um mich herum wurden dumpf. Dieser Zustand der Gnade verging so schnell, wie er eingetreten war. Keiko hatte immer noch meine Haare in der Hand und zog mich hinter sich her. Gleichzeitig zerrten andere an meinen Armen. Ich hörte das Rieseln von Wasser und wusste augenblicklich, was mir blühte. Ich bäumte mich auf, nahm all meine Kraft zusammen und riss mich los. Tanabe hielt aber weiter unbeirrt meinen Pferdeschwanz gepackt. Ein erneuter kräftiger Ruck ließ mich laut aufstöhnen. Sie würde mir noch das Genick brechen, wenn sie so weitermachte.
Später fragte man mich, warum ich eigentlich nicht geschrien hätte – weder vor Schmerz noch vor Angst oder gar um Hilfe. Was für eine dämliche Frage das war! Solche Fragen stellten nur Menschen, die noch nie in einer derartigen Lage waren, und dienten ausschließlich dazu, die Opferrolle zu hinterfragen. Meine Antwort wurde daher auch nur müde belächelt: Ich hatte keine Zeit zum Schreien. Genauso gut konnte man einem Torwart beim Fußball fragen, warum er denn den Ball nicht gehalten habe. Vielleicht hinkte der Vergleich, aber Fakt war: Von außen betrachtet konnte man immer gut kommentieren, mittendrin sah alles aber ganz anders aus.
Kurzum: Ich schrie nicht.
Aber ich kämpfte!
Doch alles half nichts. Gegen mittlerweile sieben Mädchen plus Keiko Tanabe hatte ich keine Chance. Von meinen anderen Klassenkameradinnen griff keine einzige ein, weder zu meinen Gunsten noch um ihre Wut an mir auszulassen. Ich hörte sie reden, als gehe sie das alles nichts an, und ich hörte auch, wie sie eine nach der anderen die Mädchenumkleide verließen. Tanabe und ihre Truppe hatten freie Hand.
»Ungezogene Tiere kommen unter die Dusche!«
Keiko war sichtlich angestrengt. Ihre Stimme klang gepresst, wenn auch ihre Abscheu mir gegenüber wie heißes Gift aus ihrem Mund strömte. Ihr Gesicht verschwitzt und knallrot, ließ sie endlich meine Haare los. Ganze Strähnen klebten an ihrer Hand. Angewidert wischte sie sie an ihrem Shirt ab.
»Los, ausziehen!«, brüllte sie. »Zieht sie aus, diese verdammte Missgeburt!«
Als die ersten Hände vorschnellten, um sich an meinen Klamotten zu schaffen zu machen, trat und schlug ich wie wild um mich.
»Lasst mich! Ich habe euch nichts getan.«
»Nichts getan?«
Ich hörte den Knall … es dauerte aber noch Sekunden, bis ich die flache Hand auf meiner Wange spürte. Tanabe hatte mit voller Wucht zugeschlagen. Jetzt wusste ich, wie es den Volleybällen am Wochenende erging, wenn sie von ihr per Aufschlag über das Netz befördert wurden.
Halb lag ich, halb saß ich im Duschraum. Niemand hielt mich mehr fest. Die umstehenden Mädchen wirkten geschockt. Selbst Keiko besah sich für einen winzigen Augenblick ihre Hand, verstört darüber, was sie gerade getan hatte. Dann kehrte der wahnsinnige Blick in ihre Augen zurück. In drei Schritten war sie über mir, stieß mich flach zu Boden und setzte sich auf meine Brust. Mein Kopf schlug auf die Fliesen. Als ich den Blick wieder fokussieren konnte, hing Keikos Gesicht direkt über meinem. Ich wusste nicht, ob es Schweiß, Rotze oder Speichel war, der von ihr auf mich herabtropfte. Keiko ließ mir aber gar keine Zeit, darüber nachzudenken.
»Ich weiß, was du bist!«, zischte sie wahnsinnig.
Ihr Gesicht kam meinem noch ein Stückchen näher.
»Du bist ein verdammter Wolfsmensch. Ich hab’s gegoogelt. Nicht mal mein Freund hat so viele Haare auf dem Rücken wie du.«
Sie spuckte mir ins Gesicht.
Also Speichel…, war mein geistesabwesender Gedanke.
»Du widerst mich an! Solche Freaks wie dich brauchen wir hier nicht. Und komm mir jetzt nicht mit Eriko. Eriko hat es einfach immer mit allen gut gemeint. Aber Eriko ist nicht mehr.«
Für mich hätte ich es nicht getan – vermutlich nicht einmal die Kraft dazu gehabt – aber dass Keiko so über Eriko sprach, löste in mir die absolute Raserei aus. Jetzt war ich es, die spuckte. Ich traf sie in ihr linkes Auge. Während Tanabe noch schrie – vor Wut wie vor Schreck – bäumte ich mich unter ihr auf und warf sie ab. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass ihre Freundinnen unentschlossen und ängstlich von einem Bein auf das andere traten. Ich hatte keine Zeit für sie. Irgendwann würden sie über mich herfallen. Da bestand kein Zweifel. Vorher wollte ich aber Keiko Tanabe dahin prügeln, wo Eriko unverdienterweise schon war. Noch bevor ich jedoch einen ersten Schlag anbringen konnte, gellte ein verstandzerreißender Pfiff durch die Duschen. Die ihm nachfolgende Stimme ließ uns alle erstarren.
»Sasaki! Sofort runter da!«
Frau Asano wartete erst gar nicht, bis ich mich aus meiner Schockstarre löste. Sie packte die Kapuze meines Hoodies und riss mich grob zur Seite.
»Was ist denn heute los mit euch?«, schrie sie. »Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? So etwas habe ich noch nicht erlebt! Ich … ich …«
Noch nie hatte ich Asano-sensei sprachlos erlebt, doch hier, mitten in den Duschen der Mädchenumkleide der Sporthalle 7, stand sie mit offenem Mund, geweiteten Augen und geballten Fäusten vor dem im Hintergrund rieselnden Wasser der Duschen. Ich rappelte mich auf. Kniete mich hin und senkte den Kopf so tief wie es nur ging.
»Entschuldigen Sie, Sensei.«
Die Entschuldigung nahm Frau Asano an.
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Später.
Leider glaubte sie meiner Version der Geschehnisse zunächst nicht. Auch wenn es am Ende ein Punktsieg für mich war: Die Geschichte schrieb der finale Sieger – und der war Keiko Tanabe. So wurde ich vom Unterricht suspendiert, die Schulleitung informierte meine Mutter und setzte einen Termin für eine Anhörung fest. Für einen kleinen Moment dachte ich, dass es vielleicht besser gewesen wäre, hätte ich Keiko gewähren lassen. Vielleicht wäre alles nicht so schlimm gekommen, wie es dann am Ende kam. Andererseits war ich aber auch ein klein wenig stolz auf mich: Zum ersten Mal hatte ich mich gewehrt. Erfolgreich. Das gab mir Mut und Kraft.
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